B A D InForm, Ausgabe 2 - 2007  
 

Fachgerechter Einsatz von Tieren in der Altenpflege

Tiere öffnen Welten

In Würde alt werden – diesem Anspruch hat sich unsere Gesellschaft verschrieben. Ob gesund oder als Pflegefall, Lebensqualität ist ein Grundbedürfnis. Viele Senioren verbringen den letzten Lebensabschnitt nicht in der Familie, sondern in Alten- und Pflegeheimen. Was kann man tun, um genau diese Lebensqualität noch zu verbessern? Im Matthias-Pullem-Haus in Köln-Sürth, kooperatives Mitglied im Caritasverband, erleben wir, wie eine sinnvoll eingesetzte Therapie mit Hunden den Bewohnern Lebenslust und -kraft gibt.

Ortstermin in Köln-Sürth. Das Matthias-Pullem-Haus liegt ruhig eingebettet zwischen Einfamilien-Häusern, eine angenehme Lage, mit einem schönen Garten. Hier treffen wir uns mit der stellvertretenden Heimleiterin Petra Schillinger. Außerdem sind da noch Ronca und Nudel, ein quirliger Terrier und eine nicht aus der Ruhe zu bringende Mischlingshündin. Herr Sch. sitzt im Rollstuhl und wirft gerade Ronca den Ball zu; das Tier rennt und bringt ihn immer wieder mit wachsender Begeisterung zurück. Auch Frau M. bückt sich nach dem Ball und wirft. Und das tut sie gleich mehrmals, vor allem als sie merkt, dass der Hund ihr den Ball brav apportiert, wenn sie seinen Namen ruft. „Frau M. ist eigentlich in ihren Bewegungen sehr eingeschränkt und würde sich unter normalen Umständen nie so tief nach unten bücken“, sagt Petra Schillinger. „Sie glauben gar nicht, was wir mit unseren Bewohnern so alles erleben; mit einem Hund kann man so viele Dinge bewirken: Stellen Sie sich vor, einen halbseitig Gelähmten nach Schlaganfall haben wir nicht ins Gleichgewicht bekommen. Eine Seite ist ja gehandicapt. Er hat dann mit dem Hund Ball gespielt, hat auf dem gesunden Bein gestanden und mit dem betroffenen Bein den Ball weggekickt; an und für sich schon eine Leistung, die unglaublich ist, beim zweiten Mal hat er tatsächlich das gesamte Gewicht auf die betroffene Seite verlagert – das bekommt sogar ein Krankengymnast so nicht hin!“

Über 50 Prozent der 135 Bewohner der Kölner Einrichtung leben mit Demenz oder anderen psychischen Erkrankungen. Wie kann denen nun geholfen werden, und was tun die Tiere dabei? „Wir haben uns vorher überlegt, was der Bewohner für Ressourcen und welche Probleme er hat; dann schauen wir, was der Hund uns bieten kann. Spielt der Hund gerne Ball, oder lässt er sich gerne streicheln. Wir haben Bewohner, die in ihrer Demenz ihre Wohngruppe nicht verlassen, weil sie Angst haben. Da ist dann das Ziel, mit den Bewohnern in den Garten zu gehen. Durch den Kontakt über den Hund habe ich das Vertrauen der Bewohner gewonnen. Der Hund ist dann die Brücke und die Verbindung zu diesen Menschen“, führt Frau Schillinger aus.

Tiere im Einsatz
Der Hund wird also wie ein Medium eingesetzt. „Mit meinem Hund mache ich in erster Linie Gruppenarbeit mit an Demenz Erkrankten, d.h. ich setze Material ein, mit dem ich Fertigkeiten fördere. So füllen mir die Bewohner z.B. eine Art Sammelbüchse mit Futter, das sich der Hund dann mit viel Action wieder herausholt. Ich habe bei den Bewohnern damit die Feinmotorik gefördert, ich habe den Kontakt zu dem Hund hergestellt, die Bewohner beobachten den Hund genau, wenn er sich das Futter wieder heraus holt, und ich habe jede Menge Kommunikation, weil die Bewohner untereinander kommentieren; normalerweise würden sie gar nicht miteinander sprechen.“

Geht das denn mit allen Hunden? „Nein, auf gar keinen Fall. Der Hund muss natürlich vorbereitet werden, er muss stressresistent und an bestimmte Situationen gewöhnt sein. Der Hund muss wissen, dass es in der Einrichtung glatte Böden gibt, es gibt Rollatoren (fahrbare Gehhilfen) und Rollstühle, z.T. Menschen mit einem ungewöhnlichen Gang. Die Hunde lernen auch, am Rollstuhl zu gehen. Bei uns arbeiten vier Hunde: unsere Krankengymnastin, die Ergotherapeutin, ein Mitarbeiter des sozialen Dienstes und ich bringen unsere Hunde mit zur Arbeit. Wir haben jeden Tag einen Hund in der Einrichtung und die bleiben 3 oder 4 Stunden.“ Das Matthias-Pullem-Haus bietet noch mehr Tiere, um die sich die Bewohner kümmern: So gibt es zwei Aquarien, die bepflanzt, sauber gemacht und die Fische gefüttert werden. Und natürlich geben die Tiere auch immer wieder Anlass für Gespräche – zwischen den Bewohnern und zwischen Pflegepersonal und Bewohnern.

Der richtige Umgang
Wie aber lernt das Pflegepersonal den Umgang mit den Tieren und vor allem: Was ist denn überhaupt aus Sicht der Einrichtung bei dem Umgang mit den Tieren zu beachten? Seit 2004 gibt es für die tiergestützte Therapie eine berufsbegleitende Weiterbildung des Diözesan-Caritasverbandes Köln in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA). Hier bekommen die Mitarbeiter möglichst viele Informationen, was im Umgang mit Mensch und Tier zu beachten ist. Dr. Volkmar Braun, Leiter der Abteilung Environment, Health & Safety bei der B·A·D GmbH, referiert seit 2004 auf den Weiterbildungen den Part Hygiene. „Es gibt leider immer noch einen großen Prozentsatz an Heimen, die noch nicht einmal einen Hygieneplan haben. Der Druck ist jetzt ein bisschen größer geworden, nachdem nun der medizinische Dienst der Krankenkassen auch Hygiene prüft. Ich denke, auch das Verständnis hat sich ein bisschen gewandelt, dass der Hygieneplan den Häusern auch hilft und nicht nur eine weitere Vorschrift ist. Auch rechtlich gesehen sind die Häuser natürlich mit der Einhaltung eines Hygieneplans abgesichert.“ Die Teilnehmer des Kurses, so führt Dr. Braun weiter aus, machen immer wieder den Eindruck, dass sie einmal Gelerntes z.B. im Bereich Hygiene nun nicht auf die Situation mit einem Tier übertragen können: „Das Problem ist, dass in der alltäglichen Praxis viele Dinge nach hinten gedrängt werden und einfach nicht präsent sind. In dem Kurs wird vieles noch einmal aufgegriffen, was in Aus- und Fortbildung bereits gelehrt wurde. 60% dessen, was da vermittelt wird, müssten eigentlich alle
wissen. Schade ist, dass die Leute nicht ganzheitlich denken!“ So muss der Hund regelmäßig einem Veterinär vorgestellt, er muss entwurmt und geimpft werden. Auch Prävention gegen Parasitenbefall sollte durchgeführt werden. „Im Bereich Hygiene ist der Hund auch nicht mehr aber auch nicht weniger als ein Mensch! Und alle Maßnahmen die für mich gelten, müssen in irgendeiner Art und Weise auch für das Tier gelten. Wenn der Hund Zecken hat, darf er nicht zu den Heimbewohnern. Und wenn in der Einrichtung der Norovirus ausgebrochen ist, sollte der Hund nicht zu den Kranken gelassen werden.“

Noch einmal Frau Schillinger: „Hunde müssen in der Einrichtung angeleint sein, nur in kontrollierten Situationen werden die Tiere abgeleint. Wenn der Hund also in einem geschlossenen Raum arbeitet, wird er abgeleint, denn sonst gibt es keine spontanen Begegnungen. Ältere Menschen und besonders an Demenz Erkrankte haben ein eingeschränktes Gesichtsfeld, sie sehen nicht, was sich abspielt unten oder an der Seite. Da könnte es passieren, dass ein nicht angeleinter Hund vorbeiflitzt und der Bewohner stolpert. Wer keinen Kontakt zu dem Hund will, der darf auch nicht damit überfallen werden. Man muss berücksichtigen, dass es Menschen gibt, die Ängste haben und auch richtige Aversionen.“ In ihren Augen gibt es leider noch zu viele Einrichtungen, die sich wenige Gedanken über einen fachgerechten Umgang mit den Tieren machen. Und Dr. Braun ergänzt: „ Eigentlich müsste man in diese Weiterbildungskurse das Management mit hinein setzen. Denn letzten Endes, wenn die Leiter das nicht mittragen, hat man echt ein Problem.“ Aber im Matthias-Pullem-Haus funktioniert der Umgang zwischen Mensch und Tier hervorragend. Ronca sitzt seelenruhig zwischen Frau E. und Frau L. und lässt sich bürsten. Ein harmonisches Bild, das viel über die Lebensqualität aussagt.